Es gibt ja gerade nicht allzu viel, das man abfeiern könnte. Leider. Da ist es umso toller, wenn das Internet, das uns gerade ein zwei drei Regierungen kaputtmachen wollen, zur Verbreitung dieser Performance von Amanda Palmer beiträgt. Am Freitag hatte sie sich in einer ihrer Bühnenshows in einem gesungenen offenen Brief an die Boulevard-Zeitung „Daily News“ gewandt. Heute ist Dienstag, und das Ding ist einmal um die Welt.

Körperlichkeit, die III.

Zur Geschichte: Die Daily News brachte kürzlich einen Beitrag über einen Bühnenauftritt von Amanda, besprach aber in diesem Beitrag weder Gesang noch Performance. Die Journalisten besprachen lieber exklusiv ihre linke Brust, die es auf der Bühne während des Auftritts mal kurz nicht im BH gehalten hatte. Amanda schrieb, in Eile, wie sie selbst angab, diese Performance und zog sich dafür auf der Bühne komplett aus. Vorher forderte sie das Publikum explizit auf, das Copyright zu missachten, die Performance zu filmen, und, wenn möglich, ins Internet zu stellen.

Hier gehts zum Video.

Ich bin kein absoluter Fan von Palmer, bin aber von dieser Performance so angetan, dass ich den Text ihres „offenen Briefs“ übersetzt habe. Ich fände es entsetzlich schade, wenn ihre hörenswerte Nachricht nicht bei allen ankäme aufgrund der Sprachbarriere. Ihr Englisch ist wegen der suboptimalen Qualität auf den Videos auch nicht immer zu verstehen. Unter einem youtube-Beitrag fand ich eine englische Abschrift, und hier also meine (freie und sinngemäße) Übersetzung. Nebenbemerkung: Ich bin kein Übersetzer. Also nagelt mich nicht darauf fest:

Liebe Daily Mail,

 

unlängst bin ich darauf aufmerksam geworden,

dass mein kürzlicher Auftritt auf dem Glastonbury Festival

freundlicherweise von Dir erwähnt wurde.

Ich habe eine ganze Reihe von Dingen auf dieser Bühne gemacht,

und ich habe auch gesungen – so wie Du!

Aber Du hast Dich entschieden, das zu ignorieren

und lieber einen Boulevardbericht über meine Brust abzudrucken.

 Liebe Daily Mail, es gibt etwas, das man „Suchmaschine“ nennt, benutz es mal.

Hättest Du nach meinen Titten auf Veranstaltungen gegooglet, hättest Du gemerkt, 

dass Deine Fotos kein bisschen exklusiv sind.

Darüber hinaus hast Du kommentiert, meine Brust sei meinem BH entwischt, ganz genau wie ein Dieb auf der Flucht. Woher kannst Du wissen, dass sie nicht einfach versucht hat, etwas von der seltenen britischen Sonne abzubekommen?

 Liebe Daily Mail, es ist traurig, was Deine Tabloids da treiben

Dein Augenmerk auf der entwürdigenden Darstellung von Frauenkörpern

überträgt sich auf die gesamte menschliche Spezies.

Aber ein Schmuddelblättchen ist ein Schmuddelblättchen

und ich bin weit entfernt davon, irgend jemanden zu zensieren! Oh, nein!

Es sieht momentan eher so aus, als würde mein gesamter Körper versuchen, aus diesem Kimono zu entwischen! (zieht sich aus)

 Liebe Daily Mail, ihr misogyner kleiner Haufen Saftärsche

Ich bin sie leid, diese Babybäuche, Unten-Ohne-Schnappschüsse, Muffin-Tops,

wo sind die nachrichtenwürdigen Schwänze?

 Wenn Iggy oder Jagger oder Bowie oben ohne rumlaufen, verursacht das nicht einmal ein Kräuseln an der Oberfläche der Medien. Blablabla, Feministin! Blablabla Geschlechter-Scheiße, blablabla OH MEIN GOTT! NIPPEL!!

 Liebe Daily Mail, Du wirst wohl niemals über DIESE Nacht schreiben.

Ich weiß das, ich habe Dich direkt angesprochen. Ich habe dafür gesorgt, dass es nicht lustig wird, sich mit mir zu messen. Aber dank des Internet können Menschen auf der ganzen Welt unsere kleine Auseinandersetzung genießen. Und mit einem Raum voller Menschen in London zusammenkommen, die nicht  Kool Aid trinken so wie Deine Leute!  (Anmerkung unten)

 Und auch wenn es sicher Millionen von Menschen gibt, die die willkürliche kulturelle Grenze akzeptieren, die Du gezogen hast. Es sind jede Menge andere da draußen, die absolut willens sind, Brüste in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen!

 Ich erwarte gespannt werde aufmerksam Deine hochliterarische Berichterstattung meiner zukünftigen Tourneen erwarten. Liebe Daily Mail, die Deine.

Die Unverkrampftheit, mit der Amanda das einflussreiche englische Schundblatt anspricht und, so ganz nebenbei, in die Ecke „von vorgestern“ stellt, ist ein wunderbares Beispiel für unaufgeregten, modernen Feminismus. Es ist dieser „Oh, wow, ich habe Titten! Habt Ihr das auch schon bemerkt“-Ton zusammen mit ihrem Wortwitz und ihrer klugen Ironie, die mich echt beeindruckt haben! Ich komme da mit der Übersetzung nicht ran, das war aber auch nicht der Plan:)

Nachtrag: Danke an @Kirsten für den Hinweis zum Kool-Aid-Satz: „Kool Aid trinken“ wird als Metapher verwendet, um auszudrücken, dass eine bestimmte Person/ eine bestimmte Gruppe an einer Einstellung hartnäckig festhält, ohne die Fakten zu überprüfen. Hier gehts zum wiki-Artikel.