Es gibt ein paar Menschen, deren Empfehlungen für Bücher ich blind vertraue. Big Magic ist der vierte Buchtipp der gleichen Person, und bisher war ich kein einziges Mal enttäuscht. Der deutsche Untertitel des Buches von Elisabeth Gilbert allerdings bedeutete einiges an Überwindung für mich. „Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen“ klingt nach einem schlechten Ratgeber für Hausfrauen, um mal eines der üblichen Klischees in diesem Bereich aufzugreifen.

Tatsächlich ist die Zielgruppe des Bandes weiblich, was mit dem Thema des Buches in meinen Augen nicht das Geringste zu tun hat. Eventuell aber mit dem ersten Roman von ihr. Elisabeth Gilbert schrieb den Bestseller Eat Pray Love, auf den in Big Magic so enervierend oft hingewiesen wird, dass ich mir nach der Lektüre die Verfilmung mit Julia Roberts ansah. Die Kritiken zu Eat Pray Love gingen durch die Decke, und führten gleichzeitig tief in den Boden. Als ein befreiendes Buch voller Impulse wurde es gefeiert, als New-Age-Dreck für Mütter auf Selbstfindungstrip verhöhnt. Die meisten Verrisse gingen dabei auf die überwiegend weibliche Leserschaft ein. Auch in den Besprechungen zu Big Magic wird oft von der „Leserinnenschaft“ gesprochen. Die deutsche Übersetzung des Buches verwendet zusätzlich überwiegend die weibliche Form – hier wäre das Original interessant gewesen, doch ich war zu faul, um nachzusehen.

WARUM explizit Frauen mit dem zweiten Buch angesprochen werden sollen, bleibt aber unklar. Denn es geht in Elisabeth Gilberts Buch um Kreativität und Inspiration. Wenn das genuin weibliche Themen sind, wer sagt das dann Goethe und Kafka? Freiwillige vor.

Ich vermute hinter der Zuschneidung Marketingerwägungen aufgrund des Vorgängers, und finde diese Einengung sehr schade. So geht an kreativen Männern allein durch die deutsche Aufmachung des Buches eine interessante Lektüre vorbei.

Um das aber bei der folgenden, warmen Empfehlung vorweg zu nehmen: Der Hype um beide Bücher ist mir nicht komplett geheuer. Auch die Einordnung von Big Magic als eine Art Ratgeber stört mich. In meinen Augen ist das Buch eine Teilbiographie, ein Augenöffner und Mutmacher. Voller Geschichten und Lebensweisheiten. Auch gelegentliche Plattitüden und einige Schwachstellen finden sich in dem insgesamt lesenswerten Buch, für das man allerdings die amerikanische Art zu sprechen etwas mögen muss. Oder zumindest nicht davon genervt sein darf.

Doch was ist denn jetzt diese “Big Magic“? Für Elisabeth Gilbert ist es der kreative Impuls, die Inspiration, der Funke für alle künstlerische Schöpfung. Sie glaubt nicht an das künstlerische Genie, sie glaubt mehr an die Kreativität selbst. Für sie ist die Inspiration lebendig. Damit kann sie angesprochen und eingeladen werden. Gilbert stellt ein paar weithin anerkannte Konzepte von „kreativem Schaffen“ zur Disposition und will vor allem eines: Dass die Leserinnen und Leser den Mut haben, ein kreatives Leben zu führen. Die Inspiration und die Menschen, das ist für sie dabei eine Art „perfect match“:

„Wir suchen das Interessante und Neue, weil uns das Interessante und Neue gefallen. Und die Inspiration arbeitet allem Anschein nach mit uns, weil es ihr gefällt, mit uns zu arbeiten – weil Menschen über etwas Besonderes verfügen, etwas Zusätzliches, etwas unnötig Reiches …“ (105)

Dieser produktiven Zusammenarbeit aber steht eines im Wege, und das sind laut Elisabeth Gilbert wir selbst. Die nicht gerade neue Erkenntnis wird schön aufbereitet:

„Dich selbst als kreative Person zu verteidigen, fängt damit an, dass du dich selbst definierst. Es fängt damit an, dass du deine Absicht erklärst. Stell dich aufrecht hin und sprich sie laut aus, wie auch immer sie lautet.“ (111)

Sie gibt der Angst Raum und will gleichzeitig ermutigen:

„Aber falls du den Mut nicht hast, dann lass uns versuchen, dir welchen zu machen. Denn ein kreatives Leben verlangt nach Unerschrockenheit. Das wissen wir alle.“ (23)

Sie hinterfragt einige Motive künstlerischen Schaffens:

„Wann immer mir jemand erzählt, dass er ein Buch schreiben will, um anderen zu helfen, denke ich, Oh, bitte nicht.

Bitte versuch nicht, mir zu helfen. […] (116)

Schlägt eine andere Herangehensweise vor:

„Tu also, was immer dich zum Leben erweckt. Folge allem, was dich fasziniert, folge deinen Besessenheiten und deinem inneren Drang. Vertraue ihnen. Schaffe, was auch immer dein Herz in Aufruhr versetzt.“ (119)

Behauptet dann, nichts vertreibe die Inspiration zuverlässiger als Jammern:

„Jedes Mal, wenn du dich darüber beklagst, wie schwierig und ermüdend es ist, kreativ zu sein, macht die Inspiration beleidigt einen Schritt zurück. Es ist fast so, als würde die Inspiration die Hände heben und sagen: „Hey, sorry, Mann! Ich wusste nicht, dass meine Anwesenheit eine solche Qual ist. Dann mache ich eben woanders weiter.“ (138)

Und hält überhaupt nichts von Perfektionismus:

„Der große amerikanische Romancier Robert Stone hat einmal gescherzt, dass er die zwei schlechtesten Eigenschaften besitze, die man sich für einen Schriftsteller vorstellen könne: Er sei faul, und er sei Perfektionist. Tatsächlich sind das die unerlässlichen Zutaten für Erstarrung und Elend. Wenn du ein zufriedenes kreatives Leben führen willst, solltest du diese beiden Charakterzüge besser nicht kultivieren, glaub mir. Sondern vielmehr das Gegenteil davon: Du musst lernen, auf höchst disziplinierte Weise halbherzig zu sein.“ (191)

Kreativität ist für Elisabeth Gilbert völlig missverstanden, wenn sie mit Leiden assoziiert wird. Leiden, Schmerz oder gar Scham, nachdem man sich als Künstler getraut hat, seine Kreativität in Form von Werken endlich jemandem zu zeigen – all das muss weg. Der Weg zu einem so stimmigen und mit der eigenen schöpferischen Kraft zufriedenen Leben hört sich bei ihr natürlich wesentlich leichter an als er ist:

„Alles, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass mein ganzes Leben von der frühen Entscheidung geprägt wurde, den Kult künstlerischen Märtyrertums abzulehnen und stattdessen mein Vertrauen in die verrückte Idee zu setzen, dass meine Arbeit mich so liebt wie ich sie – dass sie genauso mit mir spielen will wie ich mit ihr.“ (248)

Die begleitenden Anekdoten zu Elisabeth Gilberts Ansichten über Inspiration und Kreativität lesen sich mit leichtem Schmunzeln bis hin zu einem überaus dicken Grinsen – wenn sie auf den letzten Seiten zum Beispiel über ein nicht mehr ganz so heiliges Ritual auf Bali schreibt. Sie übertreibt, polemisiert und schimpft, um gleich darauf fast zart eine ihrer Erkenntnisse zusammenzufassen. Sie wiederholt ihre wichtigsten Botschaften, immer etwas anders verpackt, so dass Big Magic unheimlich kurzweilig zu lesen ist. Als ich mit Gilbert fertig war, schwebte mir eine Gegenüberstellung mit Franz Burzbachs Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen vor. Denn wer bei Big Magic etwas ähnliches erwartet, ist mit Sicherheit enttäuscht. Wo Burzbach bodenständig, aber leider mitunter wenig inspirierend Zitat an Zitat reiht, geht Gilbert ins Atmosphärische, redet vom „Göttlichen“, setzt „Funke“ nicht in Anführungsstriche und hat auch ansonsten keinerlei Angst vor den großen Wörtern. Beides in nicht zu großem Abstand gelesen zu haben, hat in mir das Gefühl hinterlassen, zwei entgegengesetzte Pole des gleichen so wenig greifbaren Themas vor mir zu haben. Eine interessante Erfahrung. Besser gefallen hat mir dabei Big Magic.

Wem lege ich dieses Buch nahe? Ich denke, den Unsicheren und Zweifelnden. Den Kreativen, die Angst vor ihrer eigenen Kraft haben. Den Stimmen, die viel zu leise sind, obwohl sie so viel zu sagen hätten. Denjenigen, die ein solches Buch  immer wieder mal zur Hand nehmen, wenn sie einen kleinen, mutmachenden Schubs voller Pathos brauchen.

Gilbert übrigens glaubt, bei der Aussage „Ich bin ein kreativer Mensch“ handelt es sich um eine Tautologie, etwa wie „weißer Schimmel“. Kreativität ist für sie einer unserer wesentlichen Bausteine, allen Menschen gemein – nur der Zugang dazu ist unterschiedlich. Falls Euch also noch die Magie fehlt, um Eure Kreativität zu sehen, ist das hier eine klare Buchempfehlung für Euch.

Alle Zitate nach der folgenden Ausgabe: Elizabeth Gilbert: Big Magic. Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen. Frankfurt/M. 2015.

Hinweis in eigener Sache:

Gerade heute veröffentlichte Señor Rolando unser schönes Gespräch auf dem Literaturcamp über „Literatur von starken Frauen“. Hier geht es zur entsprechenden Folge des Podcasts „Büchergefahr“. Danke für das tolle Gespräch sowie die kluge und kritische Einleitung.