juna im netz

Das Netz ist das, was Du draus machst

Alltag, Begegnungen

Begegnungen

Wir sitzen in einer großen Gruppe von Erwachsenen mit ihren Kindern im Park und haben uns Pizza bestellt. Die Kinder spielen auf einer Fläche vor einem Gebäude, und wir unterhalten uns. Gerade hatten unsere Viertklässler_innen Abschlussfeier.
Als ich im Gespräch zu den Kindern schaue, fällt mir eine Gruppe ins Auge, die sich auf Bänke in einer Art Halbkreis um die ins Spiel vertieften Kinder setzt. Zwei Frauen und drei Männer verschiedenen Alters. Die Frauen tragen Hijab und Burka, der älteste der Männer sitzt in einem Rollstuhl. 

Ich weiß, wo wir uns befinden. Der Park, in dem wir uns getroffen haben, gehört zur Heidelberger Thorax-Klinik. Hier werden vor allem Lungenkrebspatienten aller Nationalitäten behandelt. Für viele wird es keinen Weg nach Hause geben.

Ich gehe hin und lächle die Gruppe an, die schweigend den spielenden Kindern zusieht. Frage sie, ob die Kinder sie stören, aber eigentlich ist diese Frage nicht notwendig. Alle fünf lachen von Ohr zu Ohr bei der Betrachtung der Kinder. Sie winken mir freundlich zu und signalisieren, dass alles in Ordnung ist. Und für diesen einen Moment ist es das auch.

Später geht der ältere Mann im Rollstuhl ein paar Schritte, seine Angehörigen folgen ihm. Es ist traurig. Und zugleich ist es wunderschön.

Eine Stunde danach besuche ich den benachbarten Rewe. Vor mir an der Kasse ein junger Mann, der Dosen-Cola und Dosen-Rum einkauft. Er bittet die Kassiererin, den Einkauf für ihn noch einen kurzen Moment zu verwahren, weil am Pfandautomaten zuvor eine zu lange Schlange angestanden hätte. Die thailändische Kassiererin stellt die Dosen auf die Seite und winkt ihm, zu gehen. Zu mir sagt sie gähnend und mit Blick auf die Uhr: “Leider noch kein Feierabend“. Ich lache, wünsche ihr den selben schon in Kürze und danke ihr, weil sie es Menschen wie mir ermöglicht, während der Schlafenszeit der Kinder einkaufen zu gehen. Sie lächelt.

Draußen erklärt ein junger Mann auf einem Fahrrad gerade einer ebenso jungen, aber offenbar unbekannten Frau, dass eine Wespe auf ihrem Dekolleté sitzt. Offenbar überlegt er, ob er irgend etwas tun sollte, entscheidet sich aber dagegen. Ich frage, ob ich helfen könnte. Das Zahnspangenlächeln, das mir begegnet, ist so umwerfend wie die Antwort: “Nein, danke, ich warte einfach, dass sie wegfliegt.

Dann steigen drei junge, durchtrainierte Männer in ein altes Auto. Alle sind sie in kurzem Trainingsoutfit. Ein älterer Mann in einem bodenlangen Kaftan geht in die gleiche Richtung und stützt sich auf einen Stock. Erst denke ich, er kann unmöglich zu der Gruppe gehören. Dann sehe ich, dass das Auto mit laufendem Motor auf ihn wartet. Er steigt ein und sie fahren los.

Auf dem Weg zu unserem Quartier hält ein anderes Auto neben mir. Ein Mann mittleren Alters spricht mich in gebrochenem Deutsch an und fragt nach dem Weg zum Salsa-Club in unserer Nähe. Ich beschreibe ihm kurz den Weg und wünsche ihm viel Spaß.

Den gesamten Nachhauseweg lächle ich, ohne dass ich sofort benennen könnte, warum eigentlich.
Dann wird es mir klar. Um mich herum ist die Welt bunt und divers und schön. Und ich durfte gerade erleben, wie sie sein könnte, wenn alle Menschen einander in den kleinen Dingen des Alltags einfach immer die Hände reichen würden. Das Lächeln der Menschen, die vermutlich demnächst einen nahen Angehörigen verabschieden müssen und in diesem Land fremd sind. Die Aufmerksamkeit des jungen Mannes, der auf die Wespe hinweist. Die Freundlichkeit der übermüdeten Kassiererin, die den Einkauf beiseite stellt. Das gelegentliche “Danke“. Das geduldige Warten der Jüngeren auf den Älteren. Das Nach-dem-Weg-fragen und das Wegweisen.
Brücken zwischen uns.

 

(Beitragsbild: Begegnung in Barcelona mit Street Art. Der Spruch in blau beudeutet: “Die beste Übersetzung zwischen zwei Sprachen ist der Kuss”.)

  1. Oh mir geht das Herz auf… Was für eine Ansammlung wundervoller Augenblicke. Sei stolz auf Dich, dass Du sie wahrgenommen hast!
    Liebe Grüße Heike

  2. danke. fürs wahrnehmen, fürs aufschreiben.

  3. Anita

    Danke fürs aufschreiben. Genau hinzuschauen lohnt sich. 🙂

  4. Schön, aber es wirkt in einigen Dingen auch fiktiv oder zumindest schwer vorstellbar. In unserer Gesellschaft ist Vertrauen insbesondere Fremden gegenüber eher die Ausnahme, die “normale” Reaktion auf Fremdes ist daher oftmals eine Mischung aus Mißtrauen und Distanz.

    Verstehe mich bitte nicht falsch, da ich selbst offen gegenüber anderen Menschen eingestellt bin und es auch als viel zu anstrengend erachte, Fremden erst einmal negative Intentionen zu unterstellen, würde ich eine optimistischere Welt, die diese Werte besser lebt, sehr begrüßen. Realistisch ist dieser Wunsch aber nicht, die Distanz zwischen den Menschen vergrößert sich.

  5. “Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.” Antoine de Saint-Exupéry

    Nur wenn wir aufmerksam sind und unser Herz öffnen können wir mit den Augen Dinge wahr nehmen, die uns sonst meist im Alltag verborgen bleiben.

    Danke für diese Augenblicke.

  6. Toller Artikel. Schön zu lesen wie du dein Umfeld wahrnimmst.

    Lg

  7. @Helge: Ungewöhnlich ist hier nur, dass alle diese Begegnungen anscheinend innerhalb kurzer Zeit stattgefunden haben. Mir begegnet so etwas ebenfalls häufig, aber eben nur, wenn ich offen dafür bin.

Hinterlasse einen Kommentar

Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

%d Bloggern gefällt das: