Aleksander ist Blogger, Buchautor, Vortragender, Online-Aktivist – und Autist. Diese Kombination kommt nicht allzu häufig vor. Denn die ständige Reizüberflutung, der autistische Menschen ausgesetzt sind, ist im Alltag eine große Herausforderung und schränkt viele merkbar ein.

Was Autismus genau ist, wusste ich nicht, bis ich Aleksander vor etwa zwei Jahren online traf. Durch seinen Einsatz und seine Blogposts bekam ich einen immer besseren Eindruck von der Innenwelt autistischer Menschen. Eine treue Leserin meines Blogs, Anita, die sich für ihre Kinder mit Autismus auseinander setzt und viele meiner Beiträge mit ihren Kommentaren bereichert hat, hatte mich davor bereits sensibilisiert. Ich war gespannt, Aleksander zu treffen und noch mehr zu lernen. Auf dem Literaturcamp Heidelberg stellte er sein Buch und sich selbst vor, und beantwortete alle Fragen, die an ihn gestellt wurden. Mich beeindruckte, wie offen er mit seiner Diagnose und dem, was er seine „Reise zu sich selbst“ nannte, umging. Vor allem unser langes persönliches Gespräch freute mich sehr. Aber nicht nur mich hatte er beeindruckt.

„Alle möglichen Menschen reden ÜBER Autismus. Kaum jemand aber spricht MIT einem Autisten. Und Bücher von Autisten gibt es so gut wie keine.“
(Aleksander auf dem Literaturcamp Heidelberg 2016)

Sein Buch schenkte Aleksander mir wenig später, mit persönlicher Widmung. Autismus mal anders ist weniger ein Ratgeber als ein Bericht über Aleksanders Sicht auf die Dinge. Und ist doch mehr als das, denn in den Worten, die Aleksander für die Phänomene gefunden hat, liegt kein Bedauern (mehr) über Einschränkungen. Sondern eine Annahme der eigenen Fähigkeiten, der eigenen Besonderheit, die Mut macht. Mit einem Augenzwinkern berichtet er von der HD-Auflösung der Umwelt, von Parfümerieabteilungen in Kaufhäusern und von dem ein- oder anderen „Mythos Autismus“. Ehrlich und authentisch, ohne pausenloses Pathologisieren.

„Ein Leben in High-Definition. Unsere Welt ist extrem hochauflösend, und deshalb manchmal auch extrem anstrengend. Aber mal direkt gefragt: Es macht doch auch keinen Spaß, die Umwelt in PAL (der alten Fernsehauflösung) zu sehen, wenn sie schon in HD ausgestrahlt wird, oder? In diesem Sinne: Mit Autismus sieht man besser.“
(Aus: Autismus mal anders)

Als Online-Aktivist plädiert Aleksander dafür, autistische Menschen auch und gerade im Kindesalter so anzunehmen, wie sie sind. Er wendet sich gegen Therapien und Maßnahmen, die die Persönlichkeit unterdrücken und letztlich nur das erwünschte Verhalten „antrainieren“. In seinem Buch will er erklären und beschreiben. Was nimmt ein Autist wahr? Was passiert, wenn sich autistische Menschen zu lange zu vielen Reizen aussetzen? Was fällt Autisten schwer, und in was sind sie gut? Dabei spricht er immer wieder vorsichtig vor allem von sich selbst, denn Autismus ist individuell und wird sehr unterschiedlich erlebt.

In seinen Denkanstößen, die das letzte Kapitel des Buches bilden, trägt Aleksander alles zusammen, was er sich in seiner Beschäftigung mit dem Thema selbst erarbeitet hat. Gedanken zu dem Platz eines Autisten in der Gesellschaft, dem Umgang mit Autismus im Arbeitsumfeld, und immer wieder auch das mitschwingende Plädoyer für einen offenen, ehrlichen und vor allem annehmenden Umgang. Für einen tollen Überblick über das Buch empfehle ich, die Rezension von Dagmar zu lesen.

Erlebt man ihn als Vortragenden, erkennt man, wie viel er selbst von dem, was er schreibt, auch vorlebt. Daher habe ich Aleksander vor kurzem für den Virenschleuderpreis 2016 nominiert, der Auszeichnung für ansteckendes Marketing aus Kultur und Medien. Weil ich finde, dass er eine herausragende Leistung erbracht hat. Er setzt sich für ein Thema ein, das in die Mitte der Gesellschaft gehört. Für Betroffene, Angehörige und all diejenigen, die bei dem Begriff „Autismus“ lediglich an Rain Man denken.

Ich drücke die Daumen, dass Du am 21. Oktober den Virenschleuderpreis überreicht bekommst, Aleksander!